Nachlese 2026
Abschlussbericht zu den Kammermusiktagen 2026
HOMBURG (ic) Der Dienstag in der Festspielwoche der Homburger Kammermusiktage war konzertfrei. Dafür besuchte das Vogler Quartett wie in jedem Jahr eine Schule, um Kinder und Jugendliche für die Kammermusik zu begeistern. Im Saarpfalz-Gymnasium gelang es ihnen so erfolgreich, dass eine größere Schar von Ju- gendlichen mit ihrer Musiklehrerin Tanja Rau spontan das Mittwoch- als auch das Abschluss-Konzert am Samstag besuchte. Dort waren sie sichtlich von der unnachahmlichen Spielkunst der kaum älteren Schwestern Maya und Julia Kasprzak begeistert. Die boten auf zwei Violinen des berühmten Geigenbauers Gagliano aus Neapel Violin-Kunst in höchster Vollendung. Als „Duo Gagliano“ schufen sie in Sonatenwerken von Jean- Marie Leclair und Miklós Rózsa, zusammen mit Frank Reinecke vom Vogler Quartett an der Viola auch in den wunderschönen „Mini- aturen“ für Streichtrio von Antonin Dvorak beglückende Momente nicht nur für die Jugendlichen vom Saarpfalz-Gymnasium.
Zum Abschluss glänzte einmal mehr das „Duo Klangtreff“ mit der Cellistin Marlene Förstel und Michael Schwarzenbacher am Akkordeon in betörenden Wiedergaben „Alt-Wiener Tanzweisen“ (1910) von Fritz Kreisler; nicht zuletzt im klanggewaltigen „Le Grand Tango“ von Astor Piazzolla, den der Argentinier 1990 zusammen mit dem unvergesslichen Star-Cellisten Mstislav Rostropowitsch kurz vor seinem Tod noch uraufführen konnte. Mit frenetischem Applaus bedankte sich die Jugendgruppe vom Saarpfalz-Gymnasium und das Konzertpublikum für diesen besonderen Konzertgenuss.
Im Donnerstagskonzert, das im Rahmen des Festivals auch als „Homburger Meisterkonzert“ mitgestaltet wurde, setzte das franzö- sische „Geister Duo“ die Hauptakzente. David Salomon und Manuel Vieillard ließen am vierhändig gespielten Flügel mit Anmut und pianistischer Fingerfertigkeit ihre Läufe und Oktavparallelen in der F-Dur-Sonate KV 497 von Mozart nur so über die Tasten rollen. Zwischen Einfachheit nach Art von Schubert und orchestraler Klangfülle gestalteten sie danach die Walzer op. 39 von Johannes Brahms und erinnerten im Allegro „Lebensstürme“ a-Moll D 947 von Franz Schubert an die vergebliche Liebe zu dessen Klavierschülerin Caroline von Esterhazy, wie sie sich noch im Todesjahr 1828 mit werbender Zärtlichkeit, aber auch in stürmischen Ausbrüchen äußerte.
Zu dieser Tastenhektik passten hernach die Aufschreie während ihrer Geburtswehen, als Konstanze Mozart 1783 ihr erstes Kind zur Welt brachte, aber auch die beruhigenden Gesten ihres Gatten Wolfgang Amadeus Mozart. Der arbeitete nebenan gerade an seinem Streichquartett d-Moll KV 421 und dokumentierte musikalisch die hörbar „schwere Geburt“. Das Vogler Quartett ließ bis ins erlösende „Siciliano“ des Finalsatzes das Festivalpublikum all das mitempfinden und bedankte sich mit den beiden französischen Pianisten sowohl für die lindernden „Guten Tröpfchen“ nach den Geburtswehen, als auch für den frenetischen Schluss-Applaus im Saalbau.
Der SR zeichnete das Freitagskonzert auf, in dem der exzellente Pianist David Salmon vom „Geister Duo“ zusammen mit den Schwestern May und Julia Kasprzak die 1903 edierte Suite g-Moll op. 71 von Moritz Moskowki auffunkeln ließ. Gleichen Applaus bekam sein Duo-Partner Manuel Vieillard sowie Frank Reinecke (Vl), Stefan Fehland (Vla) und Stephan Forck (Vc) vom Vogler Quartett für das einfühlsame Musizieren im frühen Klavierquartett D-Dur op. 23 (1875) von Antonin Dvorák. Vor dem abschließenden, von Robert Fuchs 1917 etwas langatmig angelegten Klarinetten-Quintett op. 102 mit Nikolaus Friedrich (Klarinette) und dem Vogler Quartett zum Abschluss wurde kurzfristig noch Maya Kasprzak angesagt. Sie entfachte wahre Begeisterungsstürme, als sie ihr Pflichtstück für den polnischen Wieniawski-Wettbewerb vortrug. Zum „Stomp“ für Solo-Violine des Amerikaners John Corigliano, für ihre atemberaubenden Läufe durch alle Lagen, für ihre unglaublichen Doppelgriff-Kaskaden und für ihre in der Tat „aufstampfenden“ Tanzschritte dazu sprach ihr das Publikum schon mal den Siegerpreis zu!
Etwas Wehmut kam in der Abschluss-Matinee am Feiertag auf, als sich das Vogler Quartett u. a. mit der Ouvertüre über hebräische Themen op. 34 (1918) von Sergej Prokofjew verabschiedete. Etwas Auflockerung brachten darin die Klezmer-Töne, die Nikolaus Fried- rich seiner Klarinette entlockte. Wehmut tönte auch aus dem 11. Streichquartett f-Moll op. 122 von Dmitri Schostakowitsch, vor allem aus dem „Adagio“, in dem der Komponist 1966 den Tod eines befreundeten Geigers beklagte.
Doch dann wurde es zunehmend lustiger wie im Samba-seligen „Scaramouche“ von Darius Milhaud, der durch die Klarinettentöne von Nikolaus Friedrich tollte, über die Violinsaiten von Tim Vogler und über den Flügel von Manuel Vieillard. Augenzwinkernd, vor allem im „Scherzo“, verabschiedete sich auch das „Geister Duo“ in den vierhändigen Klavierstücken op. 11 (1894) von Sergej Rachmaninow. Die Stimmung drohte mit dem „Duo Gagliano“ endgültig überzuschwappen in der clownesk vorgetragenen Fantasie von Aleksey Igudesman über die Küchenschabe „Cucaracha“ aus Mexiko, oder zusam- men mit dem Pianisten Manuel Vieillard im spanischen Tanz „Na- varra“ op. 33 (1889) von Pablo Sarasate.
Was für ein brillanter Abschluss der ohnehin begeisternden Festspielwoche! Dafür dankte Dr. Gudula Zimper als Vorsitzende der Kammermusikfreunde Saar-Pfalz den Künstlerinnen und Künstlern, ihren fleißigen Mithelferinnen und Helfern aus ihrem Verein, der Stadt Homburg für das Gastrecht im Saalbau, den vielen Sponsoren aus der Homburger Geschäftswelt, Jochen Maas und Walther Jahrreiss für ihre fantasievoll-farbenfrohe Bühnendekoration, nicht zuletzt dem so treuen, wie begeisterten Publikum.
Paul O. Krick
Kritik zum diesjährigen Eräffnungskonzert
Homburg (ic) Mit Meisterwerken von Haydn bis Strawinsky und gar Piazzola eröffneten am Sonntag und am Montag das Vogler Quartett zusammen mit dem „Duo Klangtreff“ im Saalbau die diesjährigen Internationalen Kammermusiktage vor hell begeistertem Publikum.
Jan Bock vom veranstaltenden Verein der Kammermusikfreunde Saar-Pfalz begrüßte zum Einführungsgespräch die Cellistin Marlene Förstel vom „Duo Klangtreff“ und Tim Vogler, den Primarius im Vogler Quartett, das für die Programmgestaltung des Festivals federführend ist. Neben manch Wissenswertem über die Werkhintergründe ging es auch um die Frage, wie sich die noch zu hörenden Werke im diesjährigen Festival-Motto „Suchen und (Er)finden“ wohl spiegeln.
Haydn z. B. „suchte“ 1794 nach einem Mittel, das erwartungsfroh plappernde Konzertpublikum bei der Londoner Uraufführung seines vierten „Apponyi-Quartetts“ C-Dur op. 74/1 ruhig zu stellen. Er „fand“ es u. a. in den kräftigen Akkordschlägen zu Beginn des Kopfsatzes. Mit ihnen sorgte das Vogler Quartett auch im Saalbau für Aufmerksamkeit, blieb aber auch der Grazie des Andantino, der heiteren Derbheit des Menuetts und schon gar nicht dem atemberaubend flinken Laufwerk im Finalsatz etwas schuldig.
Das aus Österreich angereiste Duo Klangtreff „sucht“ ständig nach geeigneten Werken für seine ungewöhnliche Besetzung mit Cello und Akkordeon. Für den Homburger Auftritt „fand“ es in der 1932 ent- standenen „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky ein Meisterwerk, mit dem die Cellistin Marlene Förstel und Michael Schwarzenberger auf dem Knopf-Akkordeon ihr Publikum in helles Entzücken versetzten. Kaum zu glauben, wie witzig, wie zärtlich-sehnsüchtig, aber auch wie bizarr und zuletzt mit springlebendiger Virtuosität vier Cellosaiten und ein Akkordeon bei einfühlsamer Balgtechnik klingen können. Es hat ehrenvoll auf das „Jahr des Akkordeons 2026“ hingewiesen. Das meinten auch die begeisterten Zurufe aus dem Publikum.
Sechs Wochen vor seinem Tod im November 1828 entstand Schuberts wunderschönes, zu Herzen gehendes Streichquintett C-Dur op. 163. Da war das „Suchen und Finden“ nach dem rechten Ausdruck für das Vog- ler Quartett und für Marlene Förstel am 2. Violoncello kein Problem. Schon gar nicht im ergreifend-elegi- schen Herzstück des Quintetts, im Adagio-Satz.
Die Gesprächspartner von Jan Bock vor dem Montag-Konzert waren Frank Reinecke, der 2. Geiger im Vogler Quartett, und der Akkorde- on-Virtuose Michael Schwarzenba- cher. Ihre Frage, wo Robert Schumann 1842 für seine ersten drei Streichquartette op. 41 Anregungen „suchte“ und „fand“, beantwortete das Vogler Quartett sogleich im 2. Quartett F-Dur. Die klassisch, nach Tempi angeordneten, übrigens virtuos gespielten vier Sätze, vor allem der Finalsatz mit dem immer wiederkehrenden Liedzitat „Nimm sie hin denn diese Lieder“ aus dem berühmten Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ von Beethoven verrieten es bereits 1842 den erfahrenen Zu- hörerinnen und Zuhörern.
Aus den „Sechs spanischen Volksliedern“ von Manuel de Falla (1914) wählte das „Duo Klangtreff“ drei aus und erntete mit seiner Gestaltung zwischen Tanz und Gesang, zwischen erotischem Hüftschwung und heißblütiger Liebeswerbung einmal mehr frenetischen Applaus.
Ähnlich bedankten sich die begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörer zuletzt auch beim Akkordeonisten und beim Quartett für die eindringliche Wiedergabe der „Five Tango Sensations“, die Astor Piazzolla 1987 gerade noch vor seinem schlimmen Schlaganfall beenden konnte, der fünf Jahre später zum Tod führte. Einfach bewundernswert, wie sich die fünf Musiker in die angstvolle Gemütslage des Ar- gentiniers versetzten, wie sie nach den Satzbezeichnungen „Liebe“, „Sorge“ und zuletzt „panische Angst“ in ruckartigen Tanzfiguren nach Art von Piazzollas „Tango Nuevo“ darzustellen wußten.
Paul O. Krick
